Vergessene Salzburger Komponisten

Johann Michael Haydn und seine Schüler

Johann Michael Haydn war einerseits als Komponist international anerkannt und geschätzt, andererseits trug auch seine pädagogische Tätigkeit maßgeblich am Heranbilden einer ganzen Riege von Komponisten und Musikern von internationaler und lokaler Größenordnung bei. An diesem Liederabend werden Kompositionen dieser Schüler, von denen so manche – abseits von Expertenkreisen – nicht mehr sehr geläufig sind, vorgestellt:

Sigismund Ritter von Neukomm (1778 in Salzburg-1858 in Paris)

Der gebürtige Salzburger S. von Neukomm war Komponist, Pianist, Diplomat und Spion. Er war mit M. Haydns Frau verwandt und bekam durch ihn eine gediegene musikalische Ausbildung. In Wien wurde er Schüler und später enger Mitarbeiter von Joseph Haydn, für den er zahlreiche Werke arrangierte. Neukomm war Kapellmeister in St. Petersburg, in Moskau und am Kaiserhof in Brasilien tätig. Er lebte später vorwiegend in Paris, bereiste aber ganz Europa – nicht nur als Komponist, sondern auch als Diplomat (u.a.Wiener Kongress). Er schätzte Mozart über alles und dirigierte dessen Requiem anlässlich der Enthüllung des Mozartdenkmals in Salzburg. Er unterrichtete auch Mozarts Sohn Franz Xaver. Louis XVIII ernannt ihn zum Ritter der Ehrenlegion.

Anton Diabelli (1781 in Mattsee-1858 in Wien)

A. Diabelli war neben seinem Komponistenberuf auch sehr erfolgreicher Musikverleger. Er wurde in Mattsee geboren und wurde im Alter von sieben Jahren Sängerknabe im Kloster Michaelbeuern. M. Haydn, der sein Talent erkannte, förderte ihn und ermöglichte es ihm seine musikalischen Studien später in Salzburg bei ihm fortzusetzen. Bekannt ist er besonders durch die „Diabelli Variationen“ und als Verleger berühmter Komponisten seiner Zeit (Schubert, J. und M Haydn, Mozart, Cherubini, Beethoven). Er war aber auch als Klavier und Gitarrenlehrer sehr erfolgreich und beliebt.

Carl Maria von Weber (1786 in Eutin, Schleswig-Holstein-1826 in London)

C. M. von Weber nahm als 11-jähriges Wunderkind bei M. Haydn Unterricht. Er befasste sich in seinen Studien in Salzburg vornehmlich mit Kontrapunkt. Während seiner kurzen Studienzeit in Salzburg wurde er mit T. Susan bekannt und es entstand eine lebenslange Freundschaft. Susan und Weber arbeiteten auch an der Herausgabe eines Musiklexikons zusammen. Weber hatte eine herausragende Karriere besonders als Opernkomponist, jedoch werden seine Lieder vergleichsweise selten aufgeführt.

Thaddäus Susan (1779 in Salzburg-1838 in Ried im Innkreis)

War nicht hauptberuflich Komponist, sondern Richter. Er war aber ein durchaus ernstzunehmender Musiker, dessen Ausbildung profund und dessen Kompositionen von großer Einfühlsamkeit zeugen. Er war mit Carl Maria von Weber sehr gut befreundet. Diesen traf er in der gemeinsamen Ausbildung bei M. Haydn und blieb ihm ein Leben lang verbunden. Ein Lied aus dem Opus 30 wird von Weber im  Briefwechsel mit Susan erwähnt und kommt beim Liederabend in Michaelbeuern zur Aufführung.

Ignaz Aßmayer (1790 in Salzburg-1862 in Wien)

I. Aßmayer war gebürtiger Salzburger und erhielt daselbst bei Andreas Brunmayer und auch bei M. Haydn eine gründliche Ausbildung. Nachdem er schon einige Erfolge als Organist (St. Peter in Salzburg) und als Komponist vorzuweisen hatte, ging er nach Wien, wo er neben
Franz Schubert bei Salieri studierte. 1846 stieg er dort zum Hofkomponisten auf.

Benedikt Hacker (1769 in Metten, Niederbayern-1829 in Salzburg)

Benedikt Hacker zählte zu M. Haydns besten Freunden. Er erhielt Geigenunterricht bei Leopold Mozart und Klavierunterricht bei M. Haydn. Neben seiner Anstellung als Geiger im Stift Nonnberg war er auch Musikalienhändler und Verleger in Salzburg. Er gab in dieser Funktion auch M. Haydns und einige seiner eigenen Stücke heraus. Nach dem Bankrott seines Verlagshauses beging er Selbstmord in der Salzach.

Joseph Woelfel (1773 in Salzburg-1812 in London)

J. Woelfel wuchs in Salzburg im selben Haus wo M. Haydn wohnte auf (Festungsgasse 4). Schon früh war sein außerordentliches musikalisches Talent evident. Er trat schon als Siebenjähriger als Violinsolist auf. Er war vorwiegend Schüler von Leopold Mozart aber auch von Michael Haydn. W.A. Mozart empfahl ihn bei Fürst Ogiński in Warschau als Klavierlehrer. Von dort aus startete er seine Karriere als Komponist und Klaviervirtuose. Der Nachwelt besonders in Erinnerung ist er durch einen pianistischen Wettstreit mit Beethoven, der nicht eindeutig zu Gunsten eines Teilnehmers ausging. In langen Tourneen bereiste er Europa hielt sich aber längere Zeit in Paris auf und verstarb nachdem er nach England ging berühmt und begütert aber sehr früh in London.

 

Die Lieder

Viele dieser Komponisten sind als Virtuosen Opernkomponisten und große Symphoniker bekannt. Das Lied als Vehikel für intimen und innigen Ausdruck verbindet aber all diese Komponisten in ihrer Tonsprache, die oft stark von M. Haydns Klarheit und Schlichtheit geprägt ist. Der Weg in die Romantik führt für die Michael Haydn Schüler über Michael und Joseph Haydn aber auch über den späteren Mozart. Der beethovensche Sturm und Drang ist nur selten ihr Ding. Benedikt Hackers Kompositionen sind noch von Michael Haydns Geist durchdrungen und von klassischer Klarheit. Der Klavierpart ist schlicht und nicht wirklich eigenständig. Bei Susan ist schon etwas von seinem lieben Freund Carl Maria von Weber durchzuhören, wenn auch auf viel bodenständigerem Niveau. Die Klavierbegleitung löst sich jedoch nur manchmal von der Singstimme um individuelle Akzente zu setzen. Der weltgewandte Neukomm zeigt hingegen sehr unterschiedliche Seiten: Das zart schwebende deutsch Lied mit dem Titel „Abschied“ auf einen Text von Rochlitz und die handfeste Ballade in englischer Sprache „The Boodhound“. Diabelli ist wiederum in den Liedern aus seiner Sammlung „Lieder der Unschuld“ ganz volkstümlich. Seine leicht zugänglichen Lieder sind an ein provinzielles Publikum gerichtet und atmen ein bisschen die frische Luft der michaelhaydnschen Naturverbundenheit. Aßmayer hingegen lässt sich traditionell an, doch führen ungewöhnliche Wendungen und Modulationen den Zuhörer in leicht verfremdete Welten. Weber ist in seiner Originalität herausragend: Das Sujet jedes Liedes wird aufs Genaueste erfasst und in opernhafter Manier auf den Punkt gebracht. Es scheppern die Saiten im Lied „Reigen“ in einer komödiantischen Szene aber im Minnelied kommt eine schlichte vielleicht einfältige Weise zu Gehör. Woelfels „Die Geister des Sees“ ist eine virtuose, in Kantatenform angelegte Ballade, die fast wie eine Opernszene oder Konzertarie sich vieler Manieren bedient. Fast wie eine klassische „Ombra Szene“, doch von einem Erzähler dargeboten, was sie wiederum zur Kantate macht.

 

Virgil Hartinger (Tenor)

Brigitte Engelhard (Hammerklavier)